Myrmecia
Myrmecia
In Australien umgangssprachlich Bull ants, Inch ants oder Jack Jumpers bezeichnet, gehören Myrmecia zu den größten und am leichtesten zu erkennenden Ameisen dort.
Ihre Körperform, die großen Augen, oft auffällige Färbung und die langen Mandibeln machen sie unverwechselbar unter allen australischen Ameisen.

Myrmecia nigriscapa
Von den derzeit 89 beschrieben Arten dieser Gattung, leben 88 Arten ausschließlich in Australien. Lediglich eine Art kommt in Neukaledonien vor, wo sie allerdings sehr selten ist.
Bulldoggen Ameisen kommen in verschiedensten Lebensräumen in ganz Australien vor, sind aber am häufigsten und Artenreichsten im gemäßigten süden des Kontinentes vertreten.
Die Gattung Myrmecia erscheint in ihrer Anatomie und ihrem sozialen Verhalten recht primitiv, so sind sich zum Beispiel Königinnen und Arbeiterinnen sehr ähnlich im Körperbau.
Auch suchen Arbeiterinnen einzeln nach Nahrung und bringen diese alleine zum Nest ohne weitere Nestgenossen zu rekrutieren.
Wespen ähnlich sammeln die Arbeiterinnen hauptsächlich zwei Arten von Futter, Nektar für sich selbst und Insekten für die Larven.
Duftstoffe spielen meist nur eine untergeordnete Rolle bei diesen Ameisen, ihre visuelle Wahrnehmung ist dagegen noch ähnlich der von Wespen hoch entwickelt. Zur Orientierung dienen daher oftmals landschaftliche Merkmale wie Bäume und Felsen.
Alle Myrmcia Arten verfügt über einen Giftstachel und ein sehr potentes Gift, welches dem von Wespen und Bienen ähnelt.
In Australien kommt es immer wieder zu Unfällen, wenn eine Person gestochen wird die allergisch auf das Gift reagiert (Clark, 1986). Besonders häufig ist hierfür die Art Myrmecia pilosula (Jumping Jacks) verantwortlich.
Die auffällige Warnfarben der meisten Myrmecia Arten dienen daher vermutlich auch der Abschreckung potenzieller Fressfeinde.
Myrmecia sp., Kangaroo Island.:

Lebensräume
Offenes Buschland, Heide und lichte Wälder sind Lebensraum für viele Myrmecia Arten.
Seltener kommen sie in dichten Wäldern vor, sehr viel eher an deren Rändern oder in größeren Lichtungen. Auch an Waldwegen und Straßenrändern sind sie häufiger anzutreffen.
Es werden auch landwirtschaftliche Gebiete, Gärten und Parks in direkter Nachbarschaft zum Menschen besiedelt.



In solchen, wie oben gezeigten Habitaten entlang der regenreicheren Küstengebieten, kommen oft viele Myrmecia Arten vor.
Die Sonne kann den Boden erwärmen, dennoch bietet die lockere Vegetation den Ameisen auch schattige Rückzugsmöglichkeiten.
Die niedrigen, krautigen Stauden, Sträucher und Bäumen bietet den Myrmecia zudem zahlreiche Möglichkeiten Nahrung zu finden.
Im trockenen Landesinneren leben diese Ameisen meist in etwas dichter bewachsenen Gebieten. Die australische Wüste bekommt meist genügend Regen ab um Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Selbst Bäume und Sträucher wachsen in geschützten Lagen und bieten den Myrmecia in ihrem Schatten geeignete Lebensräume. Nicht selten sind die dort lebenden Arten allerdings nachtaktiv um der Gluthitze des Tages zu entgehen.

Nahrungssuche und Jagd
Ein weiteres Merkmal für die noch eher primitive Lebensweise von Myrmecia zeigt sich auch bei der Nahrungssuche, die Arbeiterinnen sind Einzeljäger. Sie suchen alleine am Boden oder in der Vegetation nach Nahrung. Dort jagen sie nach allerlei kleinen Insekten und Spinnen als Nahrung für die Larven im Nest.(Gray, 1971, 1974)
Für sich selbst sammeln sie hauptsächlich Nektar und Pflanzensäfte.
Die meisten Arten furagieren tagsüber, einige während der Nacht, aber viele oftmals auch zu beiden Tageszeiten.
Viele australische Pflanzen verfügen über zahlreiche Nektarien, das sind Drüsen welche zuckerhaltigen Nektar absondern. Neben den Blüten, die oftmals sehr große Mengen Nektar enthalten welcher auch vielen Vögeln, Reptilien und Säugetieren als Nahrung dient, befinden sich aber auch oft solche Nektarien an Blättern und Stängeln.
Diese bieten für viele Insekten, insbesondere Ameisen energiereiche Nahrung.(Beattie, 1985) Im Gegenzug werden die Pflanzen so teilweise bestäubt und werden, als Nebeneffekt, gleich noch von Schädlingen befreit.
Die ungewöhnlich zahlreichen Blüten australischer Pflanzen locken mit ihrem Überangebot an Nektar auch zahlreiche Insekten an, welche wiederum von Myrmecia Arbeiterinnen erjagt werden.

Die meisten Myrmecia Arten furagieren sehr häufig in niedriger Vegetation, selbst die größeren Arten sind geschickte Kletterer.
Hier sucht eine Myrmecia pavida auf einem niedrigen Strauch nach Nahrung:
Diese Myrmecia nigriscapa Arbeitern hat einen kleinen Grashüpfer erbeutet:

Die Arbeiterinnen sind aktive Jäger, legen sich aber auch auf die Lauer um vorbeikommende Arthropoden überraschend aus dem Hinterhalt zu schlagen.(Gray, 1971)
Spalten und Risse im Boden oder Steinen werden oft eingehend untersucht, Falllaub wird durchstöbert und heruntergefallene Rindendstücke begutachtet. (Eukalyptusbäume werfen häufig ihre Rinde ab.)
Sie klettern auch auf Pflanzen und untersuchen jeden Zweig und jedes Blatt.
Es gibt Anzeichen dafür, dass zumindest bei einigen Arten visuelle Reize ausschlaggebend sind zum erbeuten von Futtertieren.
Wird ein Beutetier entdeckt wird es mit den kräftigen Mandibeln gepackt und sofort zugestochen.
Von den Arbeiterinnen eingetragene Arthropoden werden im Nest an die Larven verfüttert. Dabei werden die Beutetiere meist nicht zerkleinert sondern am Stück an die Larven gelegt. Die Larven von Myrmecia sind sehr beweglich und dazu in der Lage sich selbständig an solchen in der nähe platzierten Beutetieren zu versorgen.
Die Ameisen selbst ernähren sich fast ausschließlich von Nektar und anderen zuckerhaltigen Pflanzensäften.
Da nur die sich ausserhalb des Nestes befindlichen Arbeiterinnen an solche Nahrung gelangen können, legen die von der Nahrungssuche zurückkehrenden Arbeiterinnen trophische Eier (unbefruchtete Nähreier) um die gefundene Nahrung an ihre Nestgenossinnen oder auch den Larven weiterzugeben.(Freeland, 1958) Der bei anderen Ameisen vorhanden Sozialmagen ist bei Myrmecia meist unterentwickelt.( Eisner, 1957)
Nester
Fast alle Arten haben dauerhafte Erdnester die oftmals mit einem Hügel bedeckt sind und nur wenige hundert Tiere enthalten.
Bei bestimmte Arten jedoch werden die Völker recht groß und die Nester enthalten sogar einige tausend Tiere.
Kleinere Arten nisten je nach Lebensraum auch gerne unter Steinen, manche Arten nisten auch in morschen Holz und eine Art aus den nördlichen Regenwaldgebieten nistet gar in Farnen die auf Bäumen wachsen.
Bei den kleineren Arten sind die Nester oft kaum zu erkennen. Lediglich ein kleines Loch, gerade groß genug damit zwei Ameisen passieren können, markiert den Neststandort.
Oft noch getarnt durch herabgefallene Blätter und Zweige sind diese Nester nur schwer auszumachen.
Ein Nest von Myrmecia pilosula, Kangaroo Island. Der rote Kreis markiert die Nestöffnung:

Streng bewacht von einer Arbeiterin:

Hier ein Nest von Myrmecia sp., Kangaroo Island:

Bei anderen Arten kommt es auf die Größe der Kolonie an, erst mit zunehmender Größe der Völker werden die Nester auffälliger und ein Hügel entsteht.
Hier eine junge Kolonie von Myrmecia nigrocincta, Fraser Island:

und eine schon Größere bei der ein erkennbarer Hügel entsteht:

Nesthügel entstehen, weil die Arbeiterinnen den Nestaushub ringförmig um den oder die Nestzugänge ablegen. Mit Zunahme der Nestgröße, mit jedem neuen Gang oder Kammer welche gegraben werden, wächst der ringförmige Aushub-Haufen und es entsteht mit der Zeit ein großer Hügel auf dem Nest.
Bei den Arten, die keinen solchen Hügel auf dem Nest haben, verteilen die Arbeiterinnen den Aushub flächiger und auch weiter vom Nest entfernt.
Allerdings kann auch der Neststandort einen Einfluss darauf haben, ob die Ameisen einen Nesthügel anlegen oder nicht. In schattigen Lebensräumen kann ein Nesthügel und auch die Dekoration des Nesteinganges mit Steinen und ähnlichem eine temperaturregulierende Bedeutung haben. Ein über das umgebende Terrain aufragender Hügel und auch kleine Steine um den Nestzugang erwärmen und speichern Wärme besonders gut und sorgen so für optimale Bedingungen für die Brutentwicklung.
Eine mittelgroße Art, Myrmecia nigriscapa Kangaroo Island, ohne Nesthügel. Nur ein größeres Loch markiert den Nestzugang:

Weithin sichtbar sind die großen Nesthügel von zumeist auch größeren Arten, oft sind diese Hügel auch mit allerlei Pflanzenmaterial oder kleinen Steinen bedeckt.
Hier ein großes Nest von Myrmecia desertorum:

Die Nester aller im Boden lebenden Arten sind sehr ähnlich aufgebaut. Man kann zwei Nesttypen unterscheiden, solche mit nur einem Hauptschacht und nur einem kleinen oder keinem Nesthügel und solche mit mehreren Schächten und einem großen Nesthügel.
Anfangs sind die Nester sehr einfach gebaut, die gründende Jungkönigin gräbt einen Tunnel mit einer Kammer am Ende in welcher sie ihre erste Brut aufzieht. Später, wenn die Arbeiterinnen das Nest weiter ausbauen ändert sich der Aufbau entsprechend dem Nesttyp.
Die einfacheren Nester haben einen Hauptschacht, welcher tief in den Boden reicht und an dem mehrere Kammern in unterschiedlichen Bodentiefen anschließen.
Der zweite Nesttyp ist etwas komplexer aufgebaut, hier gibt es mehrere Hauptschächte welche, wie bei den einfacheren Nestern auch, Zugang zu mehrere Kammern ermöglichen. Allerdings sind die Kammern und die Schächte auch untereinander mit Gängen verbunden, so dass größere und komplexere Neststrukturen entstehen.(Gray, 1974)
Eine Arbeiterin von Myrmecia pilosula (Jack Jumper) sucht auf einem Baum nach Nahrung:

Bei einigen Arten sind die Arbeiterinnen wohl fähig, sich zu merken auf welchen Bäumen und Sträuchern sie besonders viel Nahrung gefunden haben.(Gray, 1971) Diese Bäume und Sträucher werden von den Ameisen dann bevorzugt immer wieder nach Futter abgesucht.
Werden die Ameisen gestört, lassen sie sich meist auf den Boden fallen. Dabei kann es vorkommen das sie versehentlich auf Personen landen.
Aus diesem Grund hört man in Australien manchmal die Behauptung, dass diese Ameisen absichtlich von den Bäumen auf Menschen springen.
Zur Beute von Myrmecia gehören nicht selten auch andere Ameisen.(Gray, 1971)
Hier hat eine Arbeiterin von Myrmecia nigrocincta eine golden gefärbte Polyrhachis Ameise erbeutet:

Myrmecia nigrocincta gehört zu den springenden Myrmecia Arten (Jumping Jacks). Jedoch können nicht alle Myrmecia Arten springen, diese Fähigkeit ist zumeist nur bei den kleineren Arten zu finden.
Brutpflege
Bei vielen Arten legen die Königinnen ihre Eier zyklisch ab. Meist nachdem sich die Larven vom vorherigen Brutschub verpuppt haben, beginnt die Königin damit neue Eier zu legen.
Die Legephase dauert dabei nur wenige Tage in denen aber je nach Art sehr viele Eier gelegt werden können. Anschließend folgt eine längere Phase in welcher keine weiteren Eier gelegt werden.
Bei größeren Völkern mit sehr viel Brut sind oft alle Brutstadien zu finden, doch auch hier bleibt es bei einer zyklischen Eiablage.

Die Larven werden meist bald nach Größe getrennt gelagert. Oftmals wachsen einige wenige Larven sehr viel schneller als der Rest. Das liegt daran, dass diese Larven immer zuerst fressen dürfen. Damit wird bei Nahrungsknappheit sichergestellt, dass zumindest ein Teil der Brut durchkommt.

Im Gegensatz zu den meisten moderneren Ameisenlarven, verfügen die Larven von Myrmecia über kräftige Mandibeln und sind sehr beweglich. Sie können sich strecken und verbiegen um an ein in der nähe platziertes Futterstück zu gelangen.

Nach etwa drei Wochen sind die Larven bereit sich zu verpuppen. Arbeiterinnen bedecken sie dazu mit Substrat, dies ermöglicht es den Larven ihren Kokon zu spinnen.

Die Puppen werden anschließend in den trockenen Kammern gelagert, da sie empfindlich gegenüber Feuchtigkeit sind.

Vier bis Fünf Wochen später schlüpfen die ausgewachsenen Ameisen. Anfangs sind sie noch hell, es dauert einige Tage bis ihr Aussenskelett ausgehärtet und ausgefärbt ist:

Koloniegründung
Ausgewachsene Myrmecia Kolonien ziehen einmal im Jahr Geschlechtstiere (Jungköniginnen wie Männchen) heran, welche je nach Art noch im selben Jahr, oder nach einer Überwinterung im Heimatnest, ausschwärmen um sich zu paaren.
Die meisten Myrmecia Arten verfügen über große, vollbeflügelte Königinnen, bei anderen Arten jedoch kommen arbeiterinnen-ähnliche (Ergatoide) Königinnen vor.
Wie bei den meisten Ameisen auch, wirft die begattete Jungkönigin ihre Flügel ab und gräbt sich an geeingerter Stelle eine Kammer in welcher sie ihre ersten Arbeiterinnen großzieht.
Die entwicklungsgeschichtlich noch primitiven Myrmecia verlassen allerdings während der Gründung immer wieder ihr Nest um Futter für die Larven und sich selbst zu suchen. Bekannt als semiclaustrale Koloniegründung (Clark 1925; Wheeler, 1933; Haskins und Haskins, 1950, 1951) In dieser Phase werden natürlich zahlreiche Jungköniginnen zur Beute anderer Tiere und nur wenige schaffen es eine Kolonie erfolgreich zu gründen.
Modernere Ameisen umgehen dieses Problem, indem die Könginnen im laufe der Evolution größere, mit ausreichend Reserven ausgestattete Körper entwickelt haben und ihre Gründungskammer dadurch nicht mehr verlassen müssen.
Sobald aber die ersten Arbeiterinnen geschlüpft sind, übernehme diese die Versorgung der Brut und die Königin verlässt im Normalfall nie wieder das Nest.
Noch nicht vollausgefärbte Jungkönigin von Myrmecia pavida:

Männchen von Myrmecia chrysogaster:

Eine Ausnahme der Gründung eines neuen Volkes durch eine einzelne Königin, bilden einige Arten welche temporär parasitisch gründen. Die Jungköniginnen dieser Arten suchen jede für sich das Nest einer geeigneten Wirtsart um in dieses einzudringen und die vorhandene Königin zu töten. Ist die Jungkönigin erfolgreich, lässt sie ihre eigene Brut von den übernommenen Arbeiterinnen aufziehen.
Natürliche Feinde und andere Bedrohungen
Natürliche Feinde dieser Ameisen sind neben Spinnen auch räuberische Insekten, Vögel, Reptilien und Säugetiere.
Raubwanzen (Gminatus australis) sind äusserst geschickte Jäger, die auch Beute bis zu ihrer eigenen Körpergröße überwältigen können. Um sich besser an ihre Beute anschleichen zu können, tarnen sie sich oft mit Sand oder ähnlichen Material:

Rotrückenspinnen oder Redbacks (Latrodectus hasselti) sind besonders erfolgreiche Ameisenjäger. Ihre Netze sind so konstruiert, dass Ameisen welche darunter hindurchlaufen an den unter spannung stehenden Klebefäden hängenbleiben, vom Boden hochgerissen werden und somit nicht mehr entkommen können.
In dem unten abgebildeten Netz finden sich Überreste von Arbeiterinnen der Ameisengattungen: Camponotus, Leptomyrmex und auch Myrmecia:

Ameisenigel (Tachyglossus) ernähren sich von Ameisen oder Termiten und graben mit ihren Grabkrallen deren Nester auf um an die schmackhafte Brut und die Insekten zu gelangen:

Doch auch der Mensch stellt eine Bedrohung für diese Ameisen dar.
Durch die oftmals übertreiben dargestellte Gefahr von Myrmecia, werden die Nester in Siedlungsbereichen gezielt zerstört.
Aber auch die Veränderung und Zerstörung ihres natürlichen Lebensraums könnte sich langfristig negativ auf die Populationen bestimmter Arten auswirken.